Ein Mann betrat unseren Laden, bei dem Ines' innere Alarmglöckchen sofort losschrillten. Sie kam zu mir ins Büro geflitzt und wies mich an, sofort einen Blick auf die Videoanlage zu werfen. "Der ist auf dem Weg zur Leergutannahme", erklärte sie mir, als ich nicht genau wusste, in welchen Kameraansichten ich nach ihm suchen sollte.
Als er vor dem Leergutautomaten stand, seine Tasche öffnete und eine Flasche nach der anderen in den Automaten steckte, entspannten wir uns wieder. "Ach, der ist harmlos" extrapolierten wir beide anhand des abgegebenen Leerguts: Club-Mate-Flaschen und Saftflaschen von Voelkel, dazu noch ein paar Augustiner-Bierflaschen. Das ist nun gerade nicht die typische LD-Mischung. (DIE gibt es auch!)
Wir guckten ihm dann nicht weiter hinterher.
Meine Mitarbeiterin an der Kasse rief an und bat darum, dass mal schnell jemand nach vorne kommt. Eine ältere Stammkundin würde von einem fremden Mann angepöbelt werden.
"Angepöbelt" war relativ. Der relativ beleibte Mann, dem schon einfaches Gehen Mühe machte und ihn nach Luft schnappen ließ, hatte sich mit einem Stöhnen recht rüde auf die Bank unseres Packtisches fallen lassen. Dass er dabei zum einen eine ältere Stammkundin, die gerade am Packtisch dabei war, ihren Einkauf einzupacken, relativ rüde zur Seite drängte, war die eine Sache. Dass er sich schlichtweg und ohne Rücksicht auf Verluste auf ihre Handtasche fallen ließ, die auf der Bank lag, noch eine andere. Ihren Protest kommentiere er mit einem ziemlich lauten "Ich muss hier jetzt sitzen!", woraufhin die Kassiererin das Telefon zur Hand genommen hatte.
Zu Sachschaden im inneren der Tasche war es wohl nicht gekommen und die Kundin trug es auch mit Fassung. "Sie können ja nichts dafür und sind ja auch sofort zur Stelle gewesen", sagte sie und nahm unserem Laden den Vorfall nicht übel.
Der Mann saß da nun auf der Bank und packte ebenfalls seinen Einkauf aus dem Wagen in eine mitgebrachte Tasche um. Ich stellte mich neben ihn uns sagte: "Ein wenig Freundlichkeit im Umgang mit seinen Mitmenschen hat noch niemandem geschadet."
Keine Reaktion.
Der Mann trug Kopfhörer und hörte mich nicht oder wollte mich nicht hören.
Ich wedelte einmal kurz mit meiner Hand vor seinem Gesicht hin und her.
Keine Reaktion.
Ich zog den Einkaufswagen ein paar Zentimeter (ca. 15-20, nicht weiter) vom ihm weg und tippte ihm einmal gegen den Arm. Auf diese Weise wollte ich noch einmal versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen.
Da brüllte er los: "Lassen Sie mich und meinen Einkaufswagen in Ruhe!!!"
Ich ließ ihn dann in Ruhe. Gottes Garten ist groß und solche Leute muss es wohl auch geben. Wir kannten den Mann bislang noch nicht als Kunden und wenn das hier sein einziger Besuch bei uns war, will ich damit leben können …
Eine Kundin rief an und erkundigte sich nach einem bestimmten Artikel. Da wir ihn im Sortiment und auch vorrätig haben, fiel Ines' Antwort an die Anruferin positiv aus.
"
Dann komme ich gleich vorbei. Oder haben Sie gleich Mittagspause?"
Faszinierende Reaktion. Wann hat denn zuletzt ein größerer Lebensmittelmarkt hier in Deutschland zur Mittagspause geschlossen? Das kennt man doch höchstens noch von kleineren Dorfläden, aber irgendwo im städtischen Umfeld?
Ein Kunde hatte vor einer Weile aus unserem Regal mit dem Fahrradzubehör einen Fahrradschlauch gekauft. Das ist schön. Da er nicht aufgepasst hatte, erwischte er den falschen Schlauch mit viel zu großem Durchmesser Querschnitt. Das kann passieren. Da ihm der Fehlgriff nicht aufgefallen war, hatte er die Packung ohne viel Vorsicht geöffnet und den ordentlich zusammengefalteten Inhalt ausgepackt. Das war nicht so gut.
Nach dem Einpacken sah der Karton nicht wirklich besser aus, aber da hielt ihn nicht davon ab, herzukommen und darum zu bitten, den Artikel zurückgeben zu dürfen. Er hatte nicht viel Verständnis dafür, dass andere Kunden eine aufgerissene und irgendwie wieder geklebte Packung nicht kaufen würde. "Mir ist das egal", sagte er. Ob ernst gemeint oder nur ein Versuch, uns von der Rücknahme zu überzeugen, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass die meisten Kunden eine heile Packung einer derart beschädigten Vorziehen. Als Kompromiss bot ich dem Mann an, den Artikel für knapp die Hälfte des Kaufpreises zurückzunehmen. Wenn wir den Fahrradschlauch in der demolierten Packung hier zum Sonderpreis von 4 Euro (statt 7,59) anbieten würden, dürfte er trotz der zerrissenen Pappe früher oder später einen Abnehmer finden.
Nachdem der Schlauch ein paar Wochen mit dem Sonderpreis im Regal stand, hatte sich wirklich ein anderer Kunde über den reduzierten Artikel gefreut.
Fundstück im Kühlregal zwischen der Ware: Eine Kundin oder ein Kunde (mutmaßlich eher ein solcher) vermisste offenbar schon einiger Zeit ein Produkt (Fischzubereitung) aus dem Kühlregal. Da wir den Artikel nicht mutwillig ausgelistet haben, war er entweder eine Weile nicht lieferbar, der Kunde kam immer im falschen Moment zwischen ausverkauft und nachbestellt oder die neue Kollegin aus der Abteilung hatte wegen der Packweise (zwei Artikel teilen sich einen Platz und es ist insgesamt sehr eng) die Curry-Version tatsächlich eine Weile nicht bestellt.
Warum man dann gleich ausfallend werden muss, statt einfach mal das Gespräch zu suchen, erschließt sich mir nicht. Zur Strafe hätte man den Artikel gleich dauerhaft endgültig auslisten müssen.
Ich lief gerade quer durch den Laden, als ich von der anderen Seite des Regals einen Gesprächsfetzen aufschnappte. Ob der Kunde telefonierte oder mit einer anderen Person sprach, konnte ich auf die Schnelle nicht ausmachen und weil ich es eilig hatte, konnte ich auch nicht stehenbleiben und mir das Ende der Erzählung anhören.
"Du, seit ich das erste Mal hier einkaufen war …"
Tzja – und jetzt stehe ich da und werde wohl damit leben müssen, niemals zu erfahren, wie diese Erzählung wohl weitergegangen ist.
Eine jüngere Kundin suchte Putengulasch oder Putengeschnetzeltes für ein Gericht, dass sie zubereiten wollte. Während sie mit Ines zum Fleischregal gingt, erklärte sie, dass sie sich nämlich jetzt vegan ernähren will und ihr ChatGPT dieses Rezept als vegan und kalorienarm vorgeschlagen hatte.
Dass die KI da etwas übers Ziel hinausgeschossen, nun ja …
Aber man fragt sich ernsthaft, wie manche Menschen überhaupt noch lebensfähig sind. Vielleicht ist das einfach die neue Arbeitsteilung: Die KI "denkt" – und der Mensch führt nur noch unreflektiert aus. Selbst dann, wenn das Wunschergebnis ein veganes Abendessen mit frischem Putengeschnetzeltem als Hauptzutat ist. Merken die Leute das nicht mehr heutzutage?! Oder verblödet die Menschheit wirklich dermaßen, dass der Bezug von abgepackten Produkten im Supermarkt zu lebendigen Tieren mit Federn komplett nicht mehr ohne fremde Hilfe hergestellt werden kann?
Oh, Mann …
Ein Stammkundenpärchen hatte Leergut im Wert von etwas über acht Euro abgegeben. Offenbar gab es wohl ein Problem mit dem Automaten und weil so ziemlich gar nichts mehr funktionierte, sagten sie, haben sie einfach auf allen Tasten herumgedrückt, die ihnen das Display unseres Rücknahmeautomaten angeboten hat.
Mit dem Ergebnis, dass sie das Geld als Spende für den REA e.V. verwertet haben.
Ich hab ihnen das Geld einfach so wieder von meinem privaten Geld ausgezahlt. Ich drücke sowieso mein ganzes Leergut auch immer als Spende in den Automaten, da kommt es auf die paar Euro nun auch nicht mehr an.
(War ein spontaner Einfall, die Attitüde könnte man aber für zukünftige Fälle, die mit Sicherheit kommen werden, einfach beibehalten …)
Nanu?
Ein Stammkunde, der seit Jahren immer eine bis zwei Kisten Bier pro Woche in seinem Fahrradanhänger gekauft hat, stellt plötzlich neben einer Bier- auch eine Limokiste in den Hänger.
Er wird doch wohl nicht krank sein?
Ein Stammkunden-Pärchen kam an die Lagertür und die beiden hielten eine gekaufte Guthabenkarte in der Hand und fragten, ob sie diese zurückgeben könnten. Nein, leider grundsätzlich nicht – und das sagen wir auch beim Kauf immer ausdrücklich. Ob das alle Kollegen machen, weiß ich nicht, aber zumindest einige fragen beim Verkauf jeglicher Guthabenkarten immer, ob ob das auch wirklich DIE Karte ist, die der Kunde haben möchte. Manchen Leuten gehen wir mit der Fragerei auf den Keks, aber wir betrachten das dennoch als Kundenservice. Ist die Karte gekauft und hat den Laden verlassen, gibt es kein Zurück mehr.
Diese Frage hat auch der Kunde zu hören bekommen, der an der Lagertür stand.
Diese Frage hat auch die Kundin zu hören bekommen, die an der Lagertür stand.
Nur waren sie beim Kauf nicht zeitgleich da und jeder von beiden meinte es gut und hat das fehlende Guthaben besorgt und so hatten sie nun schließlich zwei Aufladekarten. Sie waren zwar etwas zerknirscht, haben es aber zum Glück eingesehen.
Ich hab noch eine Blog-Notiz aus der Corona-Zeit gefunden. Es war zu der Zeit, als wir eine Einlassbeschränkung hatten und
jeder Kunde einen Einkaufswagen nehmen musste, damit die maximale Kundenanzahl im Markt kontrollierbar wurde.
Eine Kundin hatte sich eine Packung Eis aus einer der Tiefkühltruhen genommen und während sie mit der Packung im Arm quer durch den Laden ging, hatte eine Kollegin sie entdeckt und freundlich darauf hingewiesen, dass sie doch bitte einen Einkaufswagen nehmen soll.
Daraufhin drehte die Kundin um, marschierte durch den halben Laden zur Tiefkühltruhe zurück und legte die Eispackung wieder ordentlich in die Truhe. Dann ging die Frau in Richtung Eingang. Ich dachte schon, dass sie beleidigt ist und nun ohne Einkauf wieder gehen will. Aber da lag ich falsch:
Sie nahm sich einen der Einkaufswagen, schob diesen zur Tiefkühltruhe, nahm das erst eine Minute zuvor reingelegte Eis wieder aus der Truhe, legte es in den Wagen und setzte anschließend ihren Einkauf fort.
Warum sie das Eis für den Weg zum Eingang erst wieder in die Kühltruhe gelegt hatte, haben wir nie erfahren und werden es wohl auch nicht mehr.
Sonderbar aber.
Ein Kunde suchte eine bestimmte Sorte Staubsaugerbeutel, die wir über unser Zentrallager nicht bekommen können und die auch nicht über unseren Lieferanten für Haushaltswaren lieferbar sind.
Nachdem wir ihm das sagten, gab er meinem Mitarbeiter noch den Tipp, dass wir uns das mit der Einlistung unbedingt doch noch einmal überlegen sollten. Immerhin hätten wir ihn dann auf jeden Fall als regelmäßigen Kunden.
Hören die Leute eigentlich auch mal zu???
Wisst ihr, was ein Zählbrett ist? Nein? Ich zitiere mal aus der
Wikipedia:
Ein Münzbrett […] ist ein offener Kasten (»Brett«), in welchem Geldmünzen verschiedener Nennwerte und Größen sortiert werden können, wodurch Zählen und Berechnen des Gesamtwertes der Münzen vereinfacht werden.
Dass mein intuitives Verstehen technischer und logischer Zusammenhänge meist recht schnell greift, ist Fluch und Segen zugleich. Es erleichtert
mein Leben ungemein, sorgt aber auch unbeabsichtigt wie unbewusst immer wieder dafür, dass ich anderen, die nicht über diese Gabe verfügen, zu verständnislos begegne.
Wie weit ein Zählbrett durch seine reine Konstruktion und Beschriftung selbsterklärend ist, weiß ich nicht. Ich kann damit umgehen und bislang war mir noch niemand begegnet, der es ebenfalls nicht geschafft hat. Spätestens der Hinweis, dass dort Kleingeld einsortiert werden kann, sorgt für die geistige Starthilfe um hinter die Funktion eines Zählbrettes zu kommen.
Tzja …
Und dann war da diese eine Kundin in etwa meinem Alter, die angefragt hatte, ob sie bei uns Kleingeld wechseln dürfe. Sie hielt ein Plastiktütchen in der Hand, dessen Inhalt eine etwa zehn bis 15 cm durchmessende Kugel bildete. "Das müssten Sie aber bitte selber in ein Zählbrett einsortieren, sonst können wir das nicht annehmen", erklärte mein Mitarbeiter ihr. Sie nickte und bekam ein leeres Zählbrett mit auf den Weg. Eine unserer Tiefkühltruhen durfte sie als Arbeitsfläche nutzen und nach einer Weile, es war wohl fast eine halbe Stunde, kam sie wieder zum Lager und wollte ihren Schatz eintauschen.
Man kann nicht viel falsch machen, wenn man Münzen in ein Zählbrett einsortiert. Zu kleine Münzen in die großen Fächer sortieren und Lücken in den Einsätzen durch vergessene Münzen lassen dürften die einzigen nennenswerten Fehlerquellen sein. Die Kundin kombinierte beides großzügig, so dass ich zeitweise schon überlegte, ob sie die Funktion des Zählbrettes gar nicht verstanden und stattdessen ihr Sammelsurium einfach nur bestmöglich in die Einsätze hineingelegt hat. Kaum zu glaube, aber wahr …
Im Laden lag in einem Gang auf dem Fußboden ein Leergutbon, der mit knapp sieben Euro Pfandwert auch nicht ganz klein war.
Laut aufgedruckter Uhrzeit war er rund 20 Minuten alt. Ich sah trotzdem schnell auf der Videoanlage nach. Mache Kunden lassen sich ja Zeit beim Einkauf oder treffen noch Bekannte und quatschen sich fest, aber in diesem Fall hatte die Kundin schon längt unseren Laden verlassen.
Sie hatte ein paar Kleinigkeiten eingekauft und wohl auch an der Kasse war ihr nicht aufgefallen, dass sie noch den Leergutbon hätte einlösen können. Sie hatte den Verlust offenbar nicht einmal bemerkt, denn sie suchte den Bon augenscheinlich gar nicht erst.
Ich kannte sie nicht als Stammkundin und nachdem sie auch im Laufe des Tages nicht mehr wiederkam, steckte ich den Bon zugunsten der Elis in Afrika in unsere Spendenbox.
Eine Frau sprach einen Kollegin an, weil sie schon eine weile nach unseren vermeintlichen Eigenmarken-Produkten suchte: "Entschuldigung, ich finde überhaupt keine ja!-Produkte, können Sie mir weiterhelfen?"
Er konnte und klärte sie darüber auf, dass wir kein REWE-Markt sind und daher mit der hauseigenen Eigenmarke der REWE auch nicht dienen können. Und er erklärte ihr, dass wir die "gut & günstig"-Produkte der EDEKA hier in den Regalen stehen haben.
Damit wurde sie jedoch nicht glücklich, da sie ein paar ganz bestimmte Artikel suchte, die es in der Form wohl nur von "ja!" gibt. Ja, dann eben nicht.